Jungbaumerziehung bei Streuobstbäumen

Ein Streuobstjungbaum sollte eine Sämlingsunterlage haben, so dass tiefes Wurzelwerk gebildet wird und starker Wuchs möglich ist.
Zur Verhinderung von Fraßschäden durch Schafe und wegen der bequemeren Grasmahd ist eine Stammhöhe von 1,60 bis 1,80 m zu wählen und ein Stammschutz anzubringen. Der Abstand zwischen den Bäumen mit Sämlingsunterlage sollte mindestens 10 Meter betragen.
Ist ein junger Streuobstbaum gepflanzt, lohnt es sich unsere bewährte Schnittstrategie zu verinnerlichen und anzuwenden. Ich sehe mit Grausen wie manche Bäume zugerichtet werden.
Einem Jungbaum mit nacktem Restwurzelwerk müssen die Wurzelstümpfe angeschnitten werden. Da alle Feinwurzeln fehlen, kann der Neutrieb des frischgepflanzten Jungbaumes nur durch Reservestoffe aus dem Gewebe versorgt werden. Deshalb müssen wir durch den Pflanzschnitt die Anzahl der zu versorgenden Knospen stark reduzieren.
Bei diesem Pflanzschnitt (Bild unten) wurde der steile Konkurrenztrieb zur Mitte entfernt und zukünftige Leitäste, hier bereits alle 4, ausgewählt. Die Anzahl der zu versorgenden Knospen wurde durch kräftigen Rückschnitt deutlich verringert. So dürften fast alle Knospen austreiben. Man erkennt den Anschnitt der Leitäste auf  "Gegenknospe", d. h. man belässt noch eine Knospe über einer passenden Außenknospe. Eventuell werden noch wenige innere und seitliche Knospen unterhalb des Anschnittes ausgeknipst. Der Trieb nach rechts sollte zur Wachstumsförderung hoch gebunden werden. 


Ende Juni 2025 haben die Knospen des obigen Berlepsch gut ausgetrieben. Der Anschnitt der Leitäste auf "Gegenknospen" erweist sich hier als günstig. Siehe unten.

Im Bild unten erkennen wir, dass der beim Winterschnitt zu entfernende Trieb aus der Innenknospe die zukünftige Verlängerung aus der Außenknospe in passende Richtung drängt.

Im Bild unten konnten vorerst nur drei Leitäste ausgewählt und richtig eingekürzt werden, so dass alle Knospen austreiben.
Der vierte Leitast wird im Folgejahr weiter oben gewählt.

Beim Pflanzschnitt (Bild unten) wurden die Triebe(Stammverlängerung und Leitäste) zu lang belassen. Die unteren Abschnitte verkahlen, da dort die Knospen nicht austreiben und verkümmern. Der Neutrieb wird schwach sein. Beim Pflanzschnitt hätte man die Stammverlängerung und die Leitäste stärker einkürzen müssen.


Öfters müssen wir die beiden ersten Triebe unterhalb der Stammverlängerung enfernen, da sie sehr steil wachsen (Schlitzäste) und zu dicht an der Mitte stehen. Im Bild (Birne) unten hätten einige Triebe unterhalb der Stammverlängerung entfernt werden müssen. 


Unter den verbleibenden flacheren Trieben können wir nun mögliche Leitäste auswählen. Dabei ist folgendes zu beachten:
Werden letzlich vier Leitäste aufgebaut, sollte der Winkel zwischen benachbarten Leitästen etwa 90° betragen, d. h. je zwei der Leitäste stehen sich  gegenüber.
Es ist vorteilhaft, wenn die Leitäste nicht in gleicher Höhe ansetzen, weil dies später zur Vergreisung der Stammverlängerung führen kann.
Sind anfangs nur zwei oder drei Triebe als Leitäste geeignet, werden die fehlenden Leitäste im Folgejahr weiter oben ausgewählt.

Beim jährlichen Erziehungsschnitt schneiden wir die Stammverlängerung an, d. h. * ein Drittel bis zur Hälfte des Neutriebes wird entfernt, um diese Achse zu stabilisieren. 
Die Stammverlängerung  soll dominant gegenüber den Leitästen bleiben. Deshalb muss durch das Belassen von Frucht- und schwachen Seitenästen genug Assimilationsfläche vorhanden sein. Steile Seitentriebe aus der Stammverlängerung, die mit den Leitästen konkurrieren würden, werden auf Astring entfernt.

Bei den Leitästen sorgen wir durch jährlichen Rückschnitt am Neutrieb (siehe oben*) für zunehmende Stabilität. Je nach Obstsorte und Steilheit des Leitaste wird auf Außen- oder "Gegenknospe" geschnitten. Beim Schnitt auf Außenknospe wächst die Leitastverlängerung relativ steil, mit dem Schnitt auf Gegenknospe erhält man einen etwas flacheren Leitastneutrieb.  Unterhalb der Außenknospe, die für die neue Verlängerung gewählt wurde,  knipsen wir einige innere und seitliche Knospen aus, um die Bildung passender Fruchtäste nach außen zu sichern. Quer stehende Äste am Leitast entfernen wir, um Leitergassen und Lichtbahnen frei zu halten und den Wuchs passender Frucht- und Seitenäste zu fördern
Im Laufe der Jahre können wir an der Außenseite der Leitäste neben Fruchtästen auch schwächere Seitenäste erziehen und durch Anschnitt stabilisieren.
Werden die Leitastverlängerungen zu wenig eingekürzt besteht die große Gefahr, dass die Leitäste beim ersten Vollertrag abkippen, da ihre Stabilität noch zu gering ist. Die Frucht- und Seitenäste an den Leitästen sind so einzukürzen bzw. schlank zu schneiden, dass ihre Fruchtlast auch bei Vollertrag die stabile Stellung des Leitastes nicht gefährdet.

Im Folgenden einige Problemfälle:
Beim vorjährigen Pflanzschnitt wurde zu wenig eingekürzt und eine viel zu hohe Mitte belassen. Die Leitäste verkümmern, wenn die Stammverlängerung nicht stark zurückgenommen wird.


Im Bild unten wurde ein ähnlicher Fehler korrigiert. Die viel zu hohe Stammverlängerung wurde deutlich zurückgenommen und ihre Assimilationsfläche stark reduziert, die Leitäste werden jetzt wieder stärker gefördert.

Unten: Vorjähriger Pflanzschnitt zu lang. Vergabelung der Leitäste lassen eine sinnvolle Gerüstbildung nicht mehr zu.
Hier hätte unbedingt eine zeilstrebiger Schnitt erfolgen müssen. Vergabelungen des Leitastes stets beseitigen. Passende Fruchtäste am Leitast durch Ausbrechen von Knospen induzieren. 

Die folgenden vier Bilder zeigen einen von mir im Herbst 2019 gepflanzten Apfelbaum der Sorte Golden Delicious nach Pflanzschnitt und Erziehungsschnitten mit konsequenter Oeschbergstrategie.
Pflanzschnitt im Frühjahr 2020:

Nach dem dritten Erziehungsschnitt im Frühjahr 2023:

Nach dem vierten Erziehungsschnitt im Februar 2024:

Nach dem fünften Erziehungsschnitt im Februar 2025


Bei den vier Bildern(oben) ist deutlich erkennbar:
Die vier Leitäste und die Stammverlängerung bilden fünf tragende Achsen, wobei die etwas höhere Stammverlängerung durch größere Assimalationsfläche der ansitzenden Frucht- und schwachen Seitenästen gegenüber den Leitästen dominant bleibt.
Die parabelförmig ansteigenden, nach oben immer steilen, Leitäste haben, durch das alljährliche vorsichtige Ausknipsen einiger innerer und seitlicher Knospen induziert, an ihrer Außenseite Frucht- und einige durch Anschnitt stabilisierte Seitenäste gebildet.
Diese werden aufgrund der Leitergassen bestens belichtet.
Ein Überbau der Leitäste durch steile Äste aus der Stammverlängerung wird durch deren Entfernung verhindert.
Die nach oben offene Krone lässt das Licht bis in untere Kronenteile durchdringen, so dass auch im unteren Bereich qualitativ hochwertige Früchte entstehen.
Sinken zu schwache Leitäste unter Fruchtbehang stärker ab, müssen neue, statisch günstig stehende Ständertriebe, zu steilen Leitastverlängerungen herangezogen werden. Dabei muss der jährliche Längenzuwachs der neuen Leitastverlängerung so eingekürzt werden, dass ausreichende Stabilität erreicht wird.

21.4.2025 Blütezeit

18. August 2025! Herrliche Früchte - der Pflegeaufwand beginnt sich zu lohnen. 

Copyright für Text und Bilder dieses Beitrags bei Werner Maier OGV Mössingen